öffnen gleiten fließen lüften bauschen schließen
1. Platz im Kunst am Bau Wettbewerb für die Staatliche Ballettschule Berlin, 2012
rot lackierte Metallstruktur, 380 x 600 x 120 cm

Realisierungssumme: 80.000,- €

 
Veronike Hinsberg
 
Erläuterungsbericht
Vorgesehen ist eine rote lackierte Form aus Stahl, eine stehende Fläche, die Durchblicke auf das Gebäude und die Umgebung erlaubt. Diese teilt den Raum in ein Davor und Dahinter, schafft selbst aber auch ein Volumen. Bei der Begehung der Staatlichen Schule für Ballett ist mir beim Blick in die Ballettsäle aufgefallen, wie das Geschehen in den Übungsräumen meine Faszination und Neugier weckt. Gleichzeitig werde ich mir jedoch auch der Intimität der Tänzerinnen und Tänzer während der Übungsstunde bewusst und bin durch meine eigene Neugier befremdet. In diesem Zusammenhang wurden mir die Vorhänge vor allen Fenstern der Ballettsäle sinnfällig, durch die sich Schüler und Lehrer vor dem Blick von außen entziehen können. Diese Vorrichtungen lassen das Wechselspiel zwischen Zeigen und Verbergen, zwischen alltäglicher und persönlicher Arbeit im Verborgenen und der scheinbaren Mühelosigkeit des Tanzes augenscheinlich werden. Auch in Bezug auf verschiedenste Bühnen, für welche die Schülerinnen und Schüler hier vorbereitet werden, spielt der Vorhang eine elementare Rolle: er trennt den Bühnenraum vom Zuschauerraum und einen Raum der Präsentation und der Illusion von einem „realen“ Raum.

Der Blick des Zuschauers und die Aktion des Tänzers in ihren sich gegenüber liegenden Räumen bedingen einander; der Vorhang ist die Membran zwischen salle et scène. Und eine Grenze, durch welche die Theatermaschinerie mit ihren sachlich profanen Verrichtungen und Umbauten verdeckt wird. Es ist eine rituelle Passage in einen andersartigen Raum, die mit dem Heben des Vorhangs vonstatten geht. Der sich lüftende und schließende Vorhang strukturiert jedoch auch in zeitlicher Hinsicht indem er Anfangs- und Schlusspunkt einer Präsentation setzt. Gleichzeitig ist die Anzahl der „Vorhänge“ am Ende einer Vorstellung ein Maß für die Anerkennung, die das Publikum den Akteuren entgegenbringt. Neben dieser öffnenden und schließenden, zeigenden und verbergenden Rolle des Vorhangs schafft er selbst auch Raum. Durch seine tiefen Falten bildet er ein plastisches Volumen, ein Vorne und Hinten und zeigt in der Bewegung eine majestätische und selbstverständliche Eleganz und Mühelosigkeit. Dieses rein physikalische „Bewegt-Werden“, die Selbstverständlichkeit, die sich aus den materiellen Eigenschaften des Materials, aus der Gravitation und dem Luftwiderstand ergeben, faszinieren.
Wenn ich an Tanz denke, denke ich auch an die gleitenden Bewegungen eines Vorhangstoffes oder eines sich bauschenden Gewandes im Luftzug. Es erscheint naheliegend, dass Bühnenvorhang oder Gewand häufig auch selbst zum Akteur auf der Bühne werden, zum Mitspieler und -tänzer. So besteht das Stück Sans Titre (2009) des Choreografen Jerôme Bel z.B. ausschließlich aus dem Öffnen und Schließen des Hauptvorhangs, des eisernen Vorhangs und mehrerer Zwischenvorhänge.

Die öffnende und schließende, zeigende und verbergende Funktion des Vorhangs, sowie dessen leichtes, schwingendes und fließendes Bewegt-Werden strukturiert Raum und Zeit. Dies scheint mir eine schöne und beziehungsreiche Metapher für eine Schule für Bühnentanz zu sein. In vorliegendem Entwurf kehren sich die Verhältnisse jedoch um: die Bewegung besteht hier aus statischen Elementen, ist erstarrt, und löst sich erst durch den Blick des Passanten, durch wechselnde und gleitende Betrachterperspektiven in ein „Tanzstück“ auf.
(Abbildungen: © Veronike Hinsberg, VG Bild-Kunst)