Leitung & Linie

Wettbewerb

 

Veronike Hinsberg
 

1. Platz des Kunst am Bau Wettbewerbs für die Hochschule für Technik und Wirtschaft, Campus Berlin Oberschöneweide, Berlin 2013/14

rot lackiertes Metallrohr, Durchmesser 47,5 cm, Gesamtlänge ca. 120 m, 3 Standorte

Realisierungssumme: 400.000,- €

 
Erläuterungsbericht des Wettbewerbentwurfs

 

Einer linearen Bewegung gleich, schwingt sich eine vierteilige Stahlplastik über den Campus Oberschöneweide der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Vorgesehen ist ein leuchtend rotes Stahlrohr, das sich an den drei vorgesehenen Standorten innerhalb des Campus schlängelt und diese Orte miteinander verbindet.

Der erste Teil der Plastik wölbt sich in einem großen Bogen über den Vorplatz am Haupteingang der HTW. Er ist von der Wilhelminenhofstraße deutlich sichtbar und markiert den Eingangsbereich. Im Bereich des Akkumulatorenturms erhebt sich Leitung & Linie in mehreren Windungen, wechselt in einem großen Bogen die Richtung, um wieder in den Untergrund zu verschwinden.

Zwei weitere Teile der als eine durchgehende Bewegung gedachten Plastik sind im Bearbeitungsbereich 3 geplant. Hier schwingt sich neben dem geplanten Neubau des FKI ein Bogen aus dem Untergrund und windet sich, den Weg überspannend, Richtung Spreeufer. An der Böschung unterhalb des Neubaus wird eine letzte Windung sichtbar, läd dort zum Verweilen ein und taucht Richtung Westen ab.

Der genaue Verlauf der Kurve und deren Auflagepunkte wird vor Ort mit dem Nutzer abgestimmt.

 

Während um die Jahrhundertwende die Allgemeine Electrizitäts-Gesellschaft das Kabelwerk Oberspree eröffnete und dort die Produktion von gummiisolierten Leitungen und Bleikabeln aufnahm, stand die geschwungene Linie im Zentrum allgemeinen Interesses. Als elementare Kurve mit elastischer Spannung und unvorhersehbaren, asymmetrischem Verlauf ist das lineare Element Markenzeichen eines ausgehenden und eines beginnenden Jahrhunderts.

Die dynamische Linie gilt bis heute als Ikone des angehenden Jugendstils und als Sinnbild einer technologie- und zukunfts-orientierten Epoche.
Hier verknüpfen sich auf bemerkenswerte Weise das zeitgeschichtliche Interesse an einer bestimmten Figur mit der Form der vom Kabelwerk Oberschöneweide hergestellten Produkte.

Um die Zeit derJahrhundertwende findet ein wesentlicher Wandel in der Wissenschaft statt, deren zunehmender Verlust an Anschaulichkeit, Erfahrbarkeit und Unmittelbarkeit durch das langsame Verschwinden der Materie um 1900 häufig beklagt wird. Mit diesem Prozess tritt in Gestalt eines Datentypus die vielleicht grundlegende Veränderung innerhalb der modernen Ordnung des Wissens in Erscheinung, eine Veränderung, die dem Leben und dem Schreiben des Lebens gleichermaßen verpflichtet ist. Die Kurve, der Nomograph, das Diagramm soll den Analysen und Erkenntnissen eine Restanschaulichkeit bewahren. Komplexe Zusammenhänge und Abläufe kommen hier zu einer neuen Sichtbarkeit, und werden darin darstell-, ables- und analysierbar.

Die Ausstellung Form und Linie, die 1904 im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld gezeigt wurde, veranschaulichte das medien-übergreifende und interdisziplinäre Interesse an der Linie in besonderer Weise. In dieser Ausstellung war u. A. auch Peter Behrens, der von 1907 bis 1914 als „künstlerischen Beirat“ das Erscheinungsbild der AEG mit prägen sollte, mit mehreren Grafiken vertreten.

 

Die gezeigten Exponate stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen; neben Zeichnungen, Tierschädeln und Maschinenteilen wurden auch galvanisierte Pflanzenteile und kunst- handwerkliche Artefakte gezeigt mit dem Ziel, das Allumfassende der Linie und deren Ästhetik und Vielseitigkeit ohne große verbale Erläuterungen sichtbar und sinnfällig werden zu lassen. Die bewegte Linie gilt hier als Vermittlerin zwischen Natur, Kunst, Wissenschaft und aktueller industrieller Technik und als Vehikel interdisziplinären Forschens. Deutlich wird in diesem Zusammenhang auch, welch reges Interes- se die verschiedenen Disziplinen aneinander hatten und in

welchem Maße Kunst, Architektur, Wissenschaft und Technik sich gegenseitig beeinflussten.
Während zu Beginn des Jahrhunderts die Wissenschaft
ihre Raum-Zeit-Studien in Kurven darstellbar machte, entwickelte sich die Fotografie vom stehenden Bild zu bewegten Bildabfolgen und ermöglichte dadurch Bewegungsabläufe zu analysieren und zu optimieren.

In der Kunst vollzog sich zeitgleich ein Wandel von einer Darstellung des Sichtbaren zur Abstraktion, zum Prozesshaften und Expressiven.

Sowohl die Möglichkeit, durch Linien räumliche und zeitliche Abläufe anschaulich und darstellbar werden zu lassen, als auch die Interdisziplinarität der Linie erscheinen mir als ein geeignetes Motiv für einen Campus mit ingenieurswissenschaftlichen und kultur- und designbezogenen Studiengängen. Durch die wechselnden Sichten auf die komplexe Kurve ergeben sich immer neue Perspektiven. Scheinbar gerade Strecken zeigen sich von einem anderen Standpunkt aus als Kurven, Bögen überschneiden sich optisch und werden zu Schlaufen oder vice versa. Das Rot des Stahlrohrs hebt sich deutlich von den ockerfarbenen und den hellen Fassaden ab. Die bodennahen Windungen laden hier und dort zum Sitzen ein; ein Blick nach oben zeigt die großen Rohrbögen vor ziehenden Wolken und den wechselnden Farben des Himmels.

Die schwungvolle Bewegung verbindet die Wilheminenhofstraße mit dem Spreeufer und vermittelt zwischen ober- und unterirdischen, sichtbaren und verborgenen Bereichen.

Darüber hinaus wird der Campus durch die entschwindenden Windungen der Plastik räumlich mit anderen Orten verbunden, wie z.B. dem Technologiepark Adlershof im Wes- ten und dem Campus Karlshorst im Osten.
In zeitlicher Hinsicht verbindet Leitung & Linie mit der "Line of Beauty and Grace" des 18. Jahrhunderts und einer wie auch immer gearteten „Weltenlinie“ der Zukunft.

     
(Abbildungen: © Veronike Hinsberg, Olf Kreisel, VG Bild-Kunst)